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Seemannsgarn

Seemannsgarn, hergeleitet von Schiemannsgarn, sind Erzählungen der Seeleute über deren (angebliche) Erlebnisse.


Das Schiemannsgarn, auch Takelgarn, wurde aus alten Tauen gewonnen und von den Seeleuten dazu benutzt, Leinen und Trossen zu umwickeln. Schiemannsgarn drehen oder Schiemannsgarn spinnen war auf Segelschiffen eine untergeordnete Arbeit, die bei Schönwetter erledigt wurde. Weil sie recht langweilig war, erzählten sich die Seeleute unterdessen, was sie erlebt hatten und worüber sie sich Gedanken machten - Sagen, Schwänke und Döntjes gehörten dazu. Auf diese Weise bekam Schiemannsgarn spinnen mit der Zeit eine andere Bedeutung: das Erzählen wurde Hauptsache, die Arbeit Nebensache, bis man das Erzählen allein so bezeichnete. In jüngerer Zeit ersetzte Seemannsgarn spinnen oder kurz Garn spinnen die alte Redewendung, und unter echtem Seemannsgarn versteht man heutzutage jene Erlebnisberichte von Seeleuten im Grenzbereich zwischen Wahrheit und Phantasie, die alle etwas undurchsichtig, dafür aber glaubhaft-eindrucksvoll sind. Allerdings weiß der Zuhörer nie genau, ob er auf den Arm genommen wird oder nicht. Oft wird der Wahrheit so viel hinzugedichtet, dass aus einem kleinen Fisch plötzlich ein Monsterhai wird oder Riesenkraken sogar ganze Schiffe ins Verderben ziehen.

Zum Seemannsgarn gehören auch die Erzählungen über den Klabautermann, Seeungeheuer, Wassermänner und Nixen sowie unheimliche Geschichten, z.B. über „Magnetberge“, die die Schiffe anziehen und zerschellen lassen, Geisterschiffe wie den Fliegenden Holländer, oder Schiffsfriedhöfe im offenen Meer (entstanden durch die Sargassosee im Atlantik mit ihren "Schlingpflanzen" - großen frei im Wasser schwebenden Braunalgen der Gattung Sargassum). Modernes Seemannsgarn bezieht sich auch auf Geschichten über UFO-Sichtungen und Verschwinden von Schiffen im Bermuda-Dreieck.

Lange Zeit fälschlicherweise als Seemannsgarn galten Berichte über Monsterwellen, die aus dem Nichts auftauchend, ganze Schiffe zerstören können. Genau so wie seit Jahrhunderten über Sichtungen von Riesenkalmaren und Begegnungen mit diesen Tieren berichtet wurde, wurden diese Erzählungen meist als Seemannsgarn verspottet und ins Reich der Legenden verwiesen. Selbst die Funde gestrandeter Kalmare mit Längen von weit über zehn Meter wurden nicht ernst genommen. Heute weiß man, dass es diese Tiere tatsächlich gibt. In Anbetracht dieser Erkenntnisse muss man mit der schnellen Verurteilung als Phantasie nun vorsichtiger sein.